Sonntag, 14. August 2011

Der kleine Mann

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die glücklich machen! Als Kind dachte ich immer, Erwachsene würden uns dieses Sprüchlein vorsagen, um uns Kindern, aber viel mehr vielleicht noch sich selbst, zu versichern, dass da, sollten im Leben alle großen und bedeutenden Dinge schief laufen, immer noch die kleinen, oft alltäglichen und meist sogar kostenfreien Dinge warten. Es klang für mich stets wie ein Satz, mit dem Erwachsene versuchen, ihr schlechtes Gewissen beruhigen. Das Gewissen, das sich meldet, wenn man scheitert, sein Ziel nicht erreicht, dass Leben nicht nach Plan läuft und man glaubt selbst schuld daran zu sein. Dann kann man diesen Satz hervorholen aus seinem Repertoire an klugen Sprüchen. Und man kann sagen:  „Ach…das! Das war doch nicht wichtig! Es sind doch die kleinen Dinge im Leben, die kleinen Momente, die wirklich glücklich machen.“  Und man fühlt sich erfahren und klug, weil man meint über den Dingen zu stehen und zu wissen worum es wirklich geht, im Leben. Das habe ich als Kind gedacht.
Irgendwann jedoch habe ich gemerkt, dass da was dran ist, an diesem Sätzlein, dass es tatsächlich kurze Momente und kleine Dinge gibt, die ein Gefühl von Unbeschwertheit und Geborgenheit auslösen, welche die kleine graue Wolke an Problemen, die stets über einem schwebt, für einen Augenblick auflösen und eine Freude hervorrufen können, von der man meint, sie als letztes als kleines Kind an Weihnachten empfunden zu haben.

Illustration von Jasmin Allenfort


Das faszinierendste hierbei ist, dass es nichts gibt, was tatsächlich bei allen Menschen dieses Glücksgefühl hervorruft. Natürlich gibt es Dinge, die den meisten Menschen gut tun. Schokolade ist eines von ihnen. Auch Sonne macht glücklich. Und heiß Duschen. Oder das überwältigende Gefühl, wenn man einen Halbmarathon gelaufen ist. (Bin ich selber noch nicht, meine eigenen Lauferfahrungen jedoch lassen mich vermuten, dass es großartig sein muss.) Um diese Dinge aber geht es nicht. Wer läuft schon einen Halbmarathon? Auch bei Sonne, heißen Duschen und Schokolade ist der Glücksgefühlfaktor recht niedrig, handelt es sich hierbei doch um Dinge, die man regelmäßig genießen kann.
Worauf ich nun hinaus will, ist, dass die Dinge, die wirkliche Glücksgefühle und eine intensive, kindliche Freude hervorrufen, sich von Mensch zu Mensch unterscheiden. Die einen erfreuen sich an einem Käsekuchen, der schmeckt wie in Kindheitstagen, andere an dem kribbelnden Gefühl auf der Haut, wenn man auf einer frisch gemähten Wiese liegt, an dem typischen Geruch von erhitztem Gummi, wenn man das erste Mal seit langem wieder die Pariser Metro betritt oder an Kindergeschrei auf dem Hof. Was für den einen störend ist, kann für jemand anderen das höchste Glück bedeuten.
Bei mir sind es meist unvorhersehbare Dinge, die einen Moment der Glückseligkeit entstehen lassen. Zuletzt war dies ein kleines Buch, welches ich an einem verregneten Sonntag auf dem Flohmarkt zwischen zerfledderten Kitsch-Romanen und alten Reiseführern entdeckte.



Illustration von Horst Lemke aus Erich Kästners Der kleine Mann


 
Es war Erich Kästners Der kleine Mann, eine Ausgabe von 1961. Ein kleiner Schatz. Für mich. Für andere ein altes, muffiges Kinderbuch. Meine  Freude aber über diese Entdeckung war riesig. Ich bewunderte die Vignetten von Horst Lemke - der unter anderem auch Kästners Der 35. Mai und Bücher von Max Kruse, James Krüss und Astrid Lindgren illustriert hat - überfliege ein paar Seiten, freue mich über den vertrauten Schreibstil Kästners und stecke meine Nase zwischen die Seiten, um mit Begeisterung den alten, leicht muffigen Geruch des Buches einzuatmen. (Gibt es eigentlich noch Menschen außer mir, die diesen Geruch von alten Büchern so lieben?) Herrlich! Ich sollte mir angewöhnen wieder öfter ins Antiquariat zu gehen. 

Illustration von Horst Lemke aus Erich Kästners Der kleine Mann

Wenn die Sonne schon nicht rauskommen mag in diesen Sommer, dann muss man sich um seine Glücksgefühle eben selber kümmern!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen