Mittwoch, 15. Februar 2012

Auf der Berlinale: Arcadia von Olivia Silver

Thermoskanne aufgefüllt, Kissen eingesteckt, Freundin angerufen... und ab zum Potsdamer Platz! Denn hier werden Tickets für die diesjährige Berlinale verkauft. Und da diese sich wie jedes Jahr größter Beliebtheit erfreuen, sitzen bereits um 7 Uhr morgens die ersten Filmfreunde auf dem roten Teppich in den Arkaden, trinken heißen Kaffee, durchforsten die Programmhefte nach möglichen Highlights und warten geduldig auf die Öffnung der Ticketschalter. 
Die Berlinale bietet seinen Besuchern zum 62. Mal hunderte an Filmen, präsentiert in 10 verschiedenen Sektionen. Ganz egal, ob man sich für die Werke junger Filmemacher, kritische Filme oder die ganz großen Meister interessiert - hier ist für jeden etwas dabei. Auch die kleinen Filmliebhaber kommen nicht zu kurz. In den Sektionen Generation Kplus und 14plus werden für die jüngsten unter uns ausgewählte Filme aus aller Welt gezeigt. Erst gestern zeigte das Haus der Kulturen der Welt aus dieser Sektion einen der schönsten Filme, den ich seit langem gesehen habe:   
Arcadia. (Regie: Olivia Silver)

Filmstill aus Olivia Silvers Arcadia
 Gretas Vater will mit seinen drei Kindern nach Arcadia, ins sonnige Kaliforniern ziehen. Das Auto vollgepackt machen sich die vier auf die tagelange Fahrt an die weit entfernte Westküste. Greta, von ihrer Familie liebevoll Griz genannt, wäre gern in der Heimat geblieben. Zwar hat der Vater ihr eine blendende Zukunft im warmen Kalifornien, einen Pool im neuen Haus und die lang ersehnten Reitstunden versprochen, doch Greta traut seinen Worten nicht. Auch, dass ihre Mutter erst in ein paar Tagen nachkommen soll, beunruhigt sie. Noch während der Fahrt bemerkt Greta, dass ihr Gefühl sie nicht getäuscht hat: Irgendwas stimmt nicht, irgendwas wird ihr verheimlicht. Der Vater führt heimlich Telefongespräche, trifft sich mit fremden Frauen und Vater und Tochter kriegen sich immer häufiger in die Haare. Die Nächte verbringen die vier in kleinen, ungemütlichen Motels, jeden Tag gibt es Fast-Food an schmuddeligen Raststätten. Hinzu kommt, dass Griz ihre Mutter nicht erreichen kann. Dabei braucht sie sie doch gerade, wie nie zuvor.

Filmstill aus Olivia Silvers Arcadia
Fernweh-Bilder amerikanischer Highways, heruntergekommener Tankstellen und großartiger Lanschaften, ruhige, die Filmbilder untermalende Musik, blecherne Fernsehstimmen und zirpende Grillen kreieren eine einzigertige Atmosphäre.  
Die einzelnen Charaktere sind perfekt ausgearbeitet, ermöglichen dem Zuschauer, Empathie, nicht nur für die pubertierende Griz und ihre Geschwister, sondern ebenfalls für den überforderten Vater zu empfinden. Dieser zeigt sich mal als gut gelaunter, verständnis-, liebe- und respektvoller und mal als unfairer, herrischer Vater, der agressiv seine teils sehr konservativen Ansichten durchzusetzen versucht.  Dieses Wechselspiel verrät dem Zuschauer: Der Vater ist selbst mit der Situation überfordert, gibt jedoch seine Familie nicht auf, wird nicht müde, zu versuchen auf seine Kinder einzugehen und ihnen eine gute Zeit zu verschaffen.    
Kein Wunder, dass die junge Griz so häufig mit ihrem launischen Vater aneinandergerät - sie selbst steckt nämlich gerade in der schwierigen Phase, in der man sich vom Mädchen hin zur jungen Frau entwickelt; einer Phase, in der man sich aus der Abhängigkeit von seinen Eltern befreien und seine eigenen Wege gehen will, sich aber häufig auch noch nach der elterlichen Liebe und Aufmerksamkeit sehnt. Gefühlschaos ist vorprogrammniert.
Griz ist unsicher, hat Angst vor Veränderung, weiß nicht was kommt und möchte sich an Bestehendem festhalten. Und so rebelliert sie - gegen die eigenen körperlichen Veränderungen (obwohl sie heimlich ihre große Schwester bewundert, die einen Freund hat und sich die Beine rasiert), gegen die neuen Gefühle, gegen ihren Vater und gegen den Umzug, der ihr ganzes bisheriges Leben auf den Kopf stellen soll. 

Filmstill aus Olivia Silvers Arcadia
Wann der Film läuft, könnt ihr im Online-Programm der Berlinale nachlesen. Und auch welche anderen Filme der Sektion Generation noch gespielt werden, kann hier recherchiert werden. Wenn es noch weitere Filme im Programm gibt, die auch nur annährend so bewegend und unterhaltend sind, wie Arcadia, lohnt sich Anstellen auf jeden Fall!  

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